Der mongolische Long Song

Die mongolische Liedform Urtiin Duu (Уртын дуу) auch Long Song genannt ist ein zentraler Bestandteil der traditionellen mongolischen Musik. Das Liedgenre wird nicht Long Song genannt, weil die Lieder besonders lang sind (auch wenn sie das in der Tat oft sind). Die Silben des Liedtextes werden hingegen sehr lang gedehnt. So kann ein Lied von vier Minuten nur zehn Worte enthalten. Die Liedtexte des Long Song decken eine große Bandbreite ab. So finden sich philosophische, religiöse, romantische oder festliche Texte. Oft werden Pferde symbolisch in das Thema eingebaut. In der östlichen Mongolei wird der Long Song häufig durch die Morin Chuur, die Pferdekopfgeige begleitet. In der westlichen Mongolei wird der Long Song traditionell ohne instrumentelle Begleitung gesungen.

Das Hauptcharakteristikum des Long Song sind die verlängerten Noten im Tenuto (gehalten) mit tief reguliertem Vibrato auf den Vokalen. Diese majestätisch klingenden, vibrierenden Noten geben dem Lied einen tiefgründigen philosophischen, meditativen Charakter. Sie vermitteln dem Zuhörer die geräumigen Bergtäler und die Ruhe der mongolischen Seele.

Man kann drei Hauptstile des Long Song festmachen: besreg urtiin duu („kleiner long song“), urtiin duu und der aizam urtiin duu („majestätischer long song“). Auch hier refl ektiert der Stil die Art des Vortragens und der Gesangstechnik und nicht die Länge des Liedes.

2005 erklärte die UNESCO den mongolischen Long Song zu einem Meisterwerk des mündlichen Kulturerbes. „Kulturelles Erbe ist nicht begrenzt auf materielle Manifestationen wie Monumente oder Objekte, die die Zeit überdauert haben. Der Begriff umfasst auch Traditionen, die Gruppen und weltweite Gemeinschaften von ihren Vorfahren geerbt und an ihre Nachkommen, zumeist mündlich, weitergegeben haben.“



LIEDER UND TEXTE:


DIE ZWEI PFERDE DES DSCHINGIS KHAN

„Die zwei Pferde des Dschingis Khan
Sehnen sich nach ihrer Herde.
Wenn der Schnee auf den Bergen schmilzt
Finden die Brüder wieder nach Hause.“

SECHZIG ULMEN (Mongolisches Volkslied aus der Inneren Mongolei)

I

Wie eine Fata Morgana schimmern Sechzig Ulmen so fern, so nah. Sie halten jeder Dürre stand, Grünen wieder jedes Jahr.

Aus allen Winden drängten einst Herden dort zum Wasser, Dass sich bunt die Wiesen färbten Dort an des Flusses Biegung.

Doch dann kam von fern und nah Chinesisches Volk gezogen. Fremde Bauern griffen hungrig Nach unseren Weiden von Holvoolj.

Sie bebauen unsere Weiden, Pfl ügen unter altes Recht. Ich weine um meine sechzig Ulmen, Die in der Ferne verschwimmen.

Vor mir liegt das weite Land, Verlorene Heimat überall. Wohin ich auch schaue von meinem Weg, Überall wogt chinesisches Korn.

II (Aus einer jüngeren Version von „Sechzig Ulmen“)

Steppe von Tsagaan Toorim, fernes blaues Wogen, Wellenschlagend wie ein heller Strom. Wiesen prangen dort im Schmuck der Blumen - Wir aber mussten fort - was sollten wir auch tun?

Lieb und teuer ist uns dieses Land, unsere schöne Heimat! Doch nun müssen wir erleben, Wie in dieser ruhelosen Zeit Die Hirten, machtlos, Abschied nehmen.

Bitter ist, die Heimat zu verlieren, Fortzuziehen aus dem altvertrauten Land. Vor meinen Augen ist’s geschehen – Teures Land, uns blieb kein anderer Weg.