Interview mit Urna Chahar-Tugchi

Was war für Sie der Grund, mit Byambasuren Davaa diesen Film zu drehen, der, wie wir sehen, in vielen Bereichen sehr persönlich geworden ist?

Als Byambasuren Davaa mich das erste Mal wegen einer Zusammenarbeit ansprach, war ich zunächst sehr zurückhaltend, weil ich in den letzten Jahren mehrere Anfragen von Filmemachern abgelehnt hatte. Die meisten wollten schlicht einen Dokumentarfi lm über mich drehen. Ich hingegen wollte - und das habe ich auch immer betont - einen Film machen, durch den ich etwas Wichtiges und zugleich Interessantes vermitteln kann. Zu so einem Film bin ich immer gerne bereit. Ich konnte mir nicht einen Dokumentarfi lm nur über die Sängerin Urna vorstellen. Das habe ich Byamba von Anfang an gesagt.

Byamba ließ sich von mir überzeugen, zeigte Interesse an meinem Ansatz durch ihre Besuche und durch unsere Gespräche. Dann entwickelten wir gemeinsam Ideen für den Film, die nach und nach heranreiften. Das Ergebnis sehen wir ja im Film! Ich hoffe und wünsche mir, dass unser gemeinsamer Film all denen, die ihn sehen, etwas Besonderes geben kann.

Was war für Sie die wichtigste Begegnung, welches das eindruckvollste Ereignis bei den Dreharbeiten?

Für mich bewegend war mit der alten Frau Chimed Dolgor drei ganze Tage zusammen verbringen zu dürfen. Sie erinnerte mich an meine Großmutter, die mir sehr, sehr viel bedeutete und mir unglaublich Vieles und Wertvolles vermittelte. Sie hat mich geprägt. Ich wurde in ihrem Haus geboren, habe dort gelebt bis ich zur Schule ging. Meine Großmutter hat mir sehr viel gegeben.

Viele Lieder scheinen in den letzten Jahren verloren zu gehen. Sehen Sie sich als Sammlerin und Hüterin der alten Traditionen?

Das müssen andere für mich beantworten. Als Künstlerin gebe ich mein Bestes, den Ursprung der alten Lieder lebendig zu erhalten und weiter zu entwickeln. Die “Urdiin Duu”, die langen Lieder aus meiner Heimatregion Ordos sind etwas ganz Besonderes: sehr langsam, teilweise extrem ruhig und getragen! Leider singen fast alle heute diese Lieder schneller und mit extremen Lautstärken. Auch bekannte Sänger machen das. Ich glaube, dass das diesen Liedern nicht gerecht wird.

Viele Lieder werden nur noch selten gesungen. Viele junge Mongolen kennen diese Lieder kaum mehr. Meine Großmutter hingegen kannte sie nicht nur alle, sie kannte auch alle Geschichten zu diesen Liedern und jedes Lied hat seine eigene. Das musste ich leider 1997 bei meiner Liedersammlung in meiner Heimat erfahren: Die Lieder sind noch da. Aber viele Geschichten zu den Liedern, wie sie entstanden sind, sind verloren gegangen.

Sie haben in Shanghai Musik studiert. Wie kann man sich das Musikstudium in China vorstellen? Nach welchen „Normen“ wird dort gelehrt?

Als Studentin an der Musikhochschule in Shanghai lernte ich sehr viel, nicht nur über Musik. Ich studierte nicht Gesang, sondern das Yangqin, das chinesische Hackbrett. Gleichzeitig verfolgte ich meinen eigenen musikalischen Weg, der langsam die Grundlage für meine eigene Musik wurde. Ich besuchte Konzerte, hörte internationale und nationale Künstler, beobachtete die Prüfungen anderer Studenten in Fächern wie Geige, Cello, Gesang, Piano. Unter den Studenten waren Musiker aus der Inneren Mongolei, aus Tibet, aus Xinjiang, Han-Chinesen. Als ich die Examen und Prüfungen mithörte, fi el mir auf, dass die Musik immer relativ gleich klang. Ich vermisste die Vielfalt, konnte die Eigenheit all dieser Kulturen nicht mehr heraus hören. Sie klangen einfach alle gleich. Besonders die Sängerinnen hatten alle genau die gleiche Art oder Technik des Gesangs gelernt. Die traditionellen Lieder klangen eher wie eine Mischung aus han-chinesischer Musik, Einfl üssen der europäischen und chinesischen Oper. Nur die Texte waren noch ursprünglich, gaben die jeweilige Kultur noch wieder. Die musikalische Technik, die an den Hochschulen gelehrt wird, nivelliert die Unterschiede. Sie verdeckt und überlagert in meinen Ohren das Eigenständige der jeweiligen Kultur. Ich habe das immer sehr, sehr schade gefunden.

Wenn man mit der eigenen Kultur und Tradition lebt, sie kennt und ständig Neues über sie lernt, dann wird das auch den Austausch mit anderen Kulturen erleichtern und beleben. Das ist ein wunderschönes Geben und Nehmen. Was man zu geben hat, ist das Eigene, was man annimmt, ist das des Anderen. Man kann nur etwas geben, wenn man selbst etwas hat. Die eigene Kultur und die Tradition sind die wertvollsten Güter der Menschen, aber sie können es nur sein, wenn wir sie auch entsprechend wertschätzen.

Wie haben Sie letztlich ihren eigenen musikalischen Weg gefunden?

Ich musste meinen eigenen musikalischen Weg nicht fi nden. Er ist da. Ich bin ihm einfach gefolgt, manchmal allerdings auf Umwegen. Ich habe schon immer und überall gesungen. Wahrscheinlich schon im Bauch meiner Mutter. Na ja, auf jeden Fall wirkten meine Eltern durch mein ewiges Singen manchmal “liebevoll genervt”.

Welche Bedeutung hat für Sie das Lied „Die zwei Pferde des Dschingis Khan“?

Das Lied ist vielschichtig. Im Film erfährt man mehr über dessen Bedeutung. Es ist das älteste Lied in meiner Heimat Ordos. Das Ordos-Gebiet ist bei uns bekannt als das “Meer der Lieder”. Dieses Lied ist nur eines von vielen.

Sie sind im „Land der Mitte“ als Mongolin geboren. Was bedeutet es, als Teil einer Minorität in China zu leben?

Das „Land der Mitte” ist ein Land mit 56 verschiedenen Völkern - wie etwa wir Mongolen in der Inneren Mongolei und anderen Teilen Chinas, die Uiguren in Xinjiang, die Tibeter, die Han-Chinesen und und und …

Im Westen wird das „Land der Mitte“ meist nur als „China“ wahrgenommen. Viele Menschen denken oder verstehen dieses China nur als das Land der Han-Chinesen. Aber es sind eben 56 verschiedene Völker im „Land der Mitte“. Gerade das macht auch den Reiz dieses Landes und die Schönheit seiner Kultur aus.

Ich realisierte erst in Europa, dass die Menschen im Westen das Land Reich der Mitte einfach als „China“ begreifen. In meiner mongolischen Muttersprache heißt „China“ dumbad uls, also das „Land der Mitte“, ja sogar in der chinesischen Hochsprache Mandarin heißt „China“ Zhongguo, wörtlich „Land der Mitte“.

Den Begriff „China“ sollte man so verstehen wie „Europa“ nach seiner Vereinigung. So wie es in Europa z.B. Belgier und Bulgaren gibt, so gibt es in China z.B. Kirgisen und Koreaner – und natürlich uns Mongolen.

Sehnen sich die Mongolen in der Inneren und der Äußeren Mongolei nach einer vereinten Mongolei?

Das ist eher eine politische Frage. Ich bin Künstlerin, keine Politikerin. Ich vermittle unsere mongolische Kultur durch meine Musik, so wie Byambaa unsere Kultur durch ihre Filme vermittelt. Und ich teile meine Musik gerne mit allen Menschen dieser Welt, die sich für die Mongolei, ihre Kultur und ihre Menschen interessieren.

Inwiefern können die mongolischen Bräuche und Lieder heute in China noch gelebt werden?

Bei uns in der Inneren Mongolei wurden diese Bräuche und Lieder während der Kulturrevolution vor allem durch die Geschichten und Erzählungen der alten Menschen bewahrt. Während der Kulturrevolution in den sechziger und siebziger Jahren durfte man keine alten Gegenstände besitzen. Auch viele traditionelle Bräuche und Sitten waren untersagt. Man durfte noch nicht einmal die festlichen traditionellen Hochzeitskleider besitzen, geschweige denn sie tragen. Und auch die alten mongolischen Lieder durften viele Jahre lang nicht gesungen werden.

Wie empfinden Sie das Leben in der Äußeren Mongolei? Wie unterscheidet es sich von dem in der Inneren?

Als ich klein war, hörte ich oft meine und andere Großeltern sagen: „Wenn wir einmal in unserem Leben diese Reise machen dürften, wenn wir einmal von der Inneren Mongolei in die Äußere Mongolei fahren könnten – dann würden wir nach unserem Tod in Ruhe in der Mutter Erde schlafen.“ So sahen sie aus – die unerfüllten Träume vieler mongolischer Großeltern. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Inneren Mongolei. Heute lebe ich in Kairo und habe einen deutschen Pass. Seit 1992 teile ich meine Musik mit Menschen in aller Welt und reise durch viele Länder. Aber meine Reise für unseren Filmdreh war doch anders als meine Konzertreisen. Dennoch ist es eine Reise voller Musik.

Es war eine Reise, die ich schon als Kind in meinen Gedanken mit meiner Großmutter machte. Eine Reise, die viele Großmütter und Großväter in der Inneren Mongolei erträumten und vielleicht auch mit wunderschönen Hoffnungen und Wünschen verbanden. Mit der Hoffnung, das zu fi nden, was ich suche. Ich suche nach vielen Dingen, ich suche nach Antworten auf Fragen - durch und mit meiner Musik.

Ich suche die Geschichte und die Verbundenheit mit der Tradition und ich habe auch den Wunsch, mehr zu erfahren und zu sehen... Ich summe unhörbar ein altes Lied, das ich als Kind mit meiner Großmutter gesungen habe, das sicher auch viele unserer Vorfahren gesungen haben.

Die Musik ist begleitet vom Austausch und von Begegnungen mit Menschen an verschiedenen Orten. Durch die Musik entwickelt sich die Suche nach Verbindungen zwischen früher und heute und vereint Altes mit Neuem… Wie etwa die Wünsche und Hoffnungen vieler Großeltern - erfahren und gelebt von und mit beiden Generationen heute.

Lebt die Figur des großen Khan im „Land der Mitte“ weiter? Oder ist Dschingis Khan eine persona non grata?

Dschingis Khan war ein großer Staatsmann. Er hat die Mongolen vereint und ein riesiges Reich erobert. Wir Mongolen wissen das, auch die Han-Chinesen wissen es, die ganze Welt weiß es. In China wird Dschinghis Khan als Nationalheld verehrt, auch von den Han-Chinesen.

Ich habe oft den Eindruck, wir Menschen beschäftigen uns zu sehr mit der negativen Seite der Geschichte – den Kriegen und der Grausamkeit. Natürlich darf man die negativen Dinge nicht ignorieren. Wir können deshalb aber nicht rückwärts gewandt leben. Wir leben heute – im 21. Jahrhundert. Es gab immer beides parallel - Gutes und Schlechtes. Es geht nicht darum, Figuren der Vergangenheit entweder zu Superhelden zu machen oder sie wegen ihrer Kriegszüge zu verteufeln. Es geht darum, Dschingis Khan als Teil unserer mongolischen Geschichte zu begreifen. Es ist gut, die Geschichte zu kennen und aus der Vergangenheit zu lernen.

Warum haben Sie die Innere Mongolei verlassen?

Ich bin in der Inneren Mongolei geboren worden. Aber verlassen? Kein Mongole hat die Mongolei je verlassen, weder die Innere noch die Äußere! Beide Teile sind die Heimat der Mongolen, die Innere und die Äußere Mongolei.

Aber Sie haben Ihre Heimat verlassen und leben heute die meiste Zeit im Ausland. Wie „erfinden“ Sie Lieder fern der Heimat?

Ich habe meine Heimat nicht verlassen. Ich bin eine Reisende mit meiner Heimat in mir. Ich trage meine Heimat im Herzen. Vielleicht fühle ich mich deshalb überall zu Hause.